Montags in Deutschland (und in Greifswald)

Der Montagabend: Das war bis zur Maueröffnung 1989 ein ausgesprochen positiv besetzter, sich wöchentlich wiederholender Moment. Ab September 1989 gingen die Menschen zunächst in Leipzig, dann auch in vielen weiteren Städten der damaligen DDR auf die Straße, um gegen die politischen Verhältnisse ihrer Gegenwart zu protestieren. Aktivist*innen aus den verschiedensten Gruppen der Gesellschaft demonstrierten für ein schnelles Ende der SED-Herrschaft und der Stasi und eine friedliche, wirklich demokratische Neuordnung. Dabei griffen sie den Termin der traditionellen Friedensgebete in den Leipziger Kirchen auf. „Keine Gewalt!“ war die übergreifende Parole, vertreten von Hunderttausenden; und wir alle wissen, wie wichtig diese Demonstrationen 1989 gewesen sind: Wie wichtig und richtig es sein kann, Menschenrechte auch auf der Straße einzufordern, wenn die eigene Regierung sie vergisst.

Wer am Montagabend für seine Anliegen auf die Straße geht, der ruft Erinnerungen wach an die Wendezeit; der möchte sich schon aufgrund des Termins in eine Tradition berechtigter Kritik stellen und deutlich machen, wie wichtig (und demokratisch) das eigene Anliegen ist.

Das machten sich ab März 2014 die sogenannten „Mahnwachen für den Frieden“ zunutze. Was so schön und harmonisch klingt, hatte aber eine dunkle und bedrohliche Seite. Auslöser dieser Versammlungen war die Krise in der Ukraine. Die Mahnwachen nahmen nun aber nicht etwa kritisch Russlands gewaltige und gewalttätige Einmischung dort ins Visier – nein: In den Redebeiträgen der Teilnehmer*innen und in den Medienbeiträgen der Publizist*innen, die jener angeblichen Friedensbewegung nahestanden oder sie vertraten, häuften sich schnell antisemitische, antiamerikanische, rechtsextreme Aussagen – unverblümt und unverhohlen. Ganz augenscheinlich spielte die sachliche Berichterstattung seriöser Medien für die Anhänger*innen dieser Bewegung eine deutlich geringere Rolle als all die Blogs, YouTube-Kanäle und Chatrooms, die sie mit angeblich zuverlässigen Nachrichten und eigenwilligen Interpretationen dazu versorgten. Man konnte in Echtzeit zusehen, wie manche Menschen abdrifteten in ein Paralleluniversum aus Verschwörungsmythen und sich dabei – das war besonders erschreckend –  im Vollbesitz der Wahrheit wähnten.

Ab Herbst desselben Jahres machte dann PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) montagabends die Straßen zunächst in Dresden, dann auch in anderen Städten unsicher. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, ausgrenzender Nationalismus: Wer das vertrat, der fand sich unter längst verstaubten, teils gar verbotenen Fahnen bei PEGIDA wieder und brüllte vielleicht sogar im Brustton der Überzeugung jene gute Parole von 1989: „Wir sind das Volk!“ Kaum etwas könnte der Wahrheit noch ferner liegen – zum Glück. Seit dem letzten Jahr stuft der Verfassungsschutz Sachsen PEGIDA als „erwiesen extremistisch“ ein.

Auch Greifswald blieb von einem Provinzableger dieser Bewegung nicht verschont: Ab Herbst 2015 trat sie unter dem Motto „Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit“ wöchentlich in der Stadt in Erscheinung (und wie diese Truppe zu diesem irreführenden Namen kam, ist wirklich eine bizarre Geschichte für sich – aber die führt hier zu weit). Auch hier: Verbotene Fahnen und Embleme, ausgrenzende Parolen, unhaltbare Analysen der politischen und gesellschaftlichen Gegenwart – und vor allem eine entsetzliche Spielart von persönlichem Egoismus, der sich dazu ein nationalistisches Gewand gab: „Für die Zukunft unserer Kinder!“ hieß es auf den Bannern – und damit waren eben nicht die soeben aus Afghanistan oder Syrien geflüchteten kleinen Menschen gemeint. „Widerstand für unser Volk!“, so war zu lesen; und die gerade vor Folter, Gewalt und Krieg geflohenen Menschen, die alles – und teils auch ihre Liebsten – verloren hatten und auf der Suche nach einer neuen Heimat waren: Die sollten nach dem Willen dieser Provinz-PEGIDA sicher niemals Teil dieses Volkes werden können.

Was sich da auf unserem Marktplatz zutrug, war unerträglich. Und so kamen – sofort und spontan – ab dem ersten Abend auch solche Menschen zusammen, die dieses Unerträgliche nicht als Einziges in der Mitte unserer Stadt stehen lassen wollten. Daraus entstand das Bündnis „Greifswald für alle“, das sich seither – im Herbst 2015 zunächst mit Mahnwachen, Kundgebungen und tatkräftigem Einsatz für das Ankommen der neuen Mitbürger*innen, schnell auch mit der Organisation von großen Kulturfesten jedes Jahr am 1. Mai – für eine solidarische, vielfältig geprägte Stadt einsetzt, in der wir aneinander denken und füreinander da sind.

Nun erleben wir eine neue Welle von Demonstrationen am Montagabend; und damit auch eine unschöne Kontinuität. Es versammeln sich nun Menschen, die – ganz wie ihre Vorgänger aus den Jahren 2014 und 2015 – ihre Informationen aus Quellen jenseits der von ihnen so bezeichneten „Mainstream-Medien“ beziehen. Wer zuhört, merkt schnell, dass ihnen das Vertrauen in moderne Wissenschaft ebenso wie in die Demokratie in einem Maße fehlt, das nicht nachvollziehbar ist. Sie fühlen sich ausgegrenzt, während sie nur schlicht – und aufgrund ihrer eigenen Entscheidung – eine Voraussetzung für vollständige Teilhabe an einigen Aspekten des gesellschaftlichen Leben in diesem von einer Pandemie geprägten Augenblick nicht besitzen. Ihre Forderungen klingen, als würden sie ohne Führerschein Auto fahren wollen. Sie leugnen, was belegbar wahr ist, und können nicht mit den Entwicklungsprozessen leben, ohne die echte Wissenschaft kaum denkbar wäre. Sie sind bereit, die Gesundheit anderer Menschen ihrem persönlichen Egoismus zu opfern. Dabei scheuen sie nicht vor Parolen zurück, die die unbeteiligte Zuschauerin durchaus erschüttern können: Aufrufe zur Selbstjustiz, Drohungen gegen die Regierung, und immer wieder ein erheblicher Mangel an Geschichtsbewusstsein. Die Vergleiche der aktuellen Situation mit dem Holocaust in Deutschland oder den Jahrhunderten der Sklaverei in Amerika sind verharmlosend und  menschenverachtend.

Nicht alle, die sich nicht impfen lassen, denken so. Aber diejenigen, die hier und anderswo an den Kundgebungen teilnehmen oder zum Mikrofon greifen – ob Pflegekraft oder Biobäuerin – tun das Seite an Seite mit denjenigen, die diese Parolen wirklich ernst meinen und gar ganze Parteiprogramme auf Fake News gründen. All das ist nicht harmlos.

Sie seien nicht rechts: So sagten die Teilnehmer*innen beim wöchentlichen Wahnmachen der „Friedensbewegung 2.0“. Sie seien die Mitte der Gesellschaft: So sagen die Menschen am Mikrofon auch heute, jeden Montag wieder. Es ist beunruhigend, dass diese sehr spezielle Mitte der Gesellschaft nicht merkt, wie sehr sie sich irrt.

Der Weg aus der Pandemie und der Weg zu einem Miteinander, in dem wir Verantwortung für uns selbst und für unsere Mitmenschen übernehmen, ist eigentlich ganz einfach. Wir können uns alle für eine Impfung entscheiden – auch ohne dass uns jemand dazu verpflichtet.

Ja, hier sind die Gedanken frei: Darum können wir dieses Lied auch öffentlich singen. Wir haben Frieden. Wir haben Freiheit. Wir haben auch keine Diktatur. Wir haben allen Grund, Wissenschaft und Politik im Allgemeinen – und bei allen gelegentlichen Irrtümern – zu vertrauen. Und darum: Ich wünsche uns allen eine Stadt, in der nicht nur der Marktplatz, sondern auch jeder andere Ort geprägt ist von Wahrheitsliebe und gemeinsamer Verantwortung. Das könnten wir – zum Beispiel – von den Montagsdemonstrationen 1989 lernen.

Rede von Anne Wolf auf unserer Veranstaltung am 31.01.2022

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