Rassismus tötet. Überall.

Warum es in Greifswald eine Black-Lives-Matter-Demonstration gab:

George Floyd, Breonna Taylor, Rayshard Brooks: Drei Menschen, die ermordet wurden, weil ihre Haut für das Verständnis der Polizisten, denen sie in einer kritischen Situation begegneten, zu dunkel war. „They want to destroy your body“, so schreibt der US-amerikanische Schriftsteller Ta-Nehisi Coates an seinen fünfzehnjährigen Sohn. Sein bewegender Brief ist eine schmerzliche Lektüre; und die jüngsten Ereignisse zeigen wieder einmal, dass „The Talk“ – das Gespräch über die Regeln, denen dunkelhäutige Jugendliche in der Öffentlichkeit und insbesondere bei Begegnungen mit der Polizei unbedingt folgen sollten und das alle Schwarzen Eltern mit ihren Kindern früher oder später führen – immer noch nicht überflüssig geworden ist.

Insbesondere der Mord an George Floyd durch den Polizeibeamten Chauvin hat die Öffentlichkeit weltweit aufgerüttelt. Wie der Schauspieler Will Smith sagte: „Diese Dinge sind schon immer geschehen. Der Unterschied besteht darin, dass sie heute gefilmt werden.“ Das heißt: Es gibt Zeugen. Viele von uns haben George Floyds Sterben 8 Minuten und 46 Sekunden lang zugesehen und es kaum ertragen. Und wir alle finden den Gedanken unerträglich, dass sich solche Situationen wiederholen könnten. Spoiler Alert: Sie werden sich wiederholen. Denn Rassismus ist nicht nur die Grundlage für das menschenfeindliche Handeln einzelner Personen. Rassismus ist ein System.

Rassismus ist ein System, das denjenigen nützt, die die Macht haben und auch behalten wollen. Das sind – weltweit – immer noch weißhäutige Menschen. In unserer Welt stehen wir selber im Zentrum. Und das möchten wir weder teilen noch verlassen.Schon im Mittelalter galt weiß als die Farbe des Guten, schwarz als die Farbe des Diabolischen. Licht und Dunkelheit umgaben auch die in der Kunst dargestellten Menschen und deuteten so ihre Persönlichkeit an.Ausgerechnet mit Beginn der Aufklärung begegneten die Europäer verstärkt und organisiert solchen Menschen, deren Haut dunkler war als die eigene: Im frisch „entdeckten“ Amerika, auf dem afrikanischen Kontinent. Da ließ sich die moralische Zuschreibung wunderbar auf das körperliche Äußere der Menschen übertragen; und daran wirkten auch deutsche Philosophen, wie etwa Kant und Hegel, in der Folgezeit mit.Nur auf diese Weise konnten weiße Menschen den „unbewohnten“ Kontinent Amerika mit voller Brutalität erobern, und nur auf diese Weise konnten Europäer afrikanische Menschen versklaven, verkaufen, wegwerfen: Diese dunkelhäutigen Kinder, Frauen und Männer waren ja eigentlich gar keine „richtigen“ Menschen.

Die Wissenschaft – auch die deutsche – lieferte dafür gern weiterführende „Beweise“. Die Beurteilung des Phänotyps, die Vermessung der Schädel, die Einordnung von Augen- und Haarfarben, von Nasengrößen… das alles hat eine lange und unrühmliche Tradition.Im Zeitalter des Kolonialismus und Imperialismus konnte Europa andere Nationen bevormunden, ausbeuten, zerstören. Das geschah bar jeder Empathie, dafür aber mit ungeheurer Professionalität, deren Auswirkungen in den europäischen Gesellschaften kaum jemanden interessierten. Als besonders schreckliches Beispiel sei der Völkermord an den Herero und Nama genannt, der zwischen 1904 und 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika mindestens 50.000 Schwarze Menschen das Leben kostete. (Erst 107 Jahre später, im Jahr 2015, verwendete das Auswärtige Amt für die damalige Brutalität zum ersten Mal den zutreffenden Begriff: „Völkermord“.)

Die europäischen Nationen, auch die Deutschen, schwankten in ihrer Wahrnehmung zwischen klischeehafter Bewunderung des „Exotischen“, des „Ursprünglichen“ – und der absoluten Abwertung des „Primitiven“. Beides ist und bleibt zutiefst rassistisch. Einen Höhepunkt dieser Kombination stellen die „Menschenschauen“ dar, die etwa der Tierpark Hagenbeck in Hamburg bis 1930 veranstaltete: Gleich neben den Gehegen der Tiere konnten die Besucher des Zoos etwa das sogenannte „Alltagsleben“ im sogenannten „afrikanischen Dorf“ bestaunen. Und sie konnten dabei immer beruhigt und im Bewusstsein der eigenen Überlegenheit auf das hinabsehen, was ihnen als Bild dargeboten wurde.

Ihren schrecklichen Höhepunkt fand die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland mit der industrialisierten Vernichtung von Menschen, insbesondere der Juden – scheinwissenschaftlich begründet und ohne jeden Zweifel nicht nur antisemitisch, sondern auch rassistisch.

1945 war der Spuk vorbei.

Der Spuk? Vorbei?

Wer wollte ernsthaft glauben, dass fünf Jahrhunderte eurozentrischen Dünkels von einem Tag auf den anderen aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden wären? In den folgenden Jahrzehnten gab und gibt es auch in Deutschland immer wieder rassistisches Verhalten, rassistisch motivierte Gewalt. Und sie ist nach wie vor nicht nur bei Einzeltäter*innen zu verorten; sie ist und bleibt Teil eines Systems.Weltweit tötet Rassismus Menschen. Auch die Corona-Pandemie trifft in diesem Jahr überproportional die Menschen mit brauner Haut: zum Beispiel indische Wanderarbeiter*innen, die Bewohner*innen brasilianischer Favelas, Indigene am Amazonas, Schwarze Menschen in den USA. Sie sind deshalb besonders betroffen, weil ihre Rechte im Alltag ohnehin nicht respektiert werden; weil sie innerhalb ihrer Gesellschaft ohnehin Benachteiligte sind: unter anderem in Sachen Bildung, Gesundheit, Berufsaussichten. Das hat, weltweit, System.Und auch in Deutschland ist es nicht anders. Nicht in der Öffentlichkeit, nicht in den Institutionen und Organen unserer Gesellschaft. Jede rassistische Handlung ist, immer wieder, kein Einzelfall und nicht nur dem einzelnen Täter, der einzelnen Täterin zuzuschreiben.Bevor wir das nicht verstanden haben, werden wir auch kaum etwas daran ändern können.

Wir dürfen bei uns selbst anfangen, jede und jeder einzelne.Und erst recht dürfen und müssen wir einen außerordentlich kritischen Blick auf unsere Institutionen werfen – auf Behörden und Ämter, Schulen und Kindergärten, und, ja: auch auf die Polizei und alle weiteren Sicherheitsorgane. Wer das staatliche Gewaltmonopol in der Öffentlichkeit vertritt und für unser aller Sicherheit garantieren soll, muss doppelt und dreifach darauf achten, tatsächlich und nicht nur nominell die Würde aller Menschen zu schützen und zu achten.Es wird noch eine Weile dauern, bis es uns als Gesellschaft konsequent gelingt, alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – Rassismus, Antisemitismus, Frauenverachtung, Diskriminierung aller Menschen jenseits heterosexueller Lebens- und Liebesentwürfe usw. – zu ächten und zu beenden. Fangen wir an.

Rassismus ist eine Gesinnung oder Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine bestimmte Abstammung vermuten lassen – als „Rasse“ kategorisiert und beurteilt werden. Die zur Abgrenzung herangezogenen Merkmale wie Hautfarbe, Körpergröße oder Sprache – umstrittenerweise teilweise auch kulturelle Merkmale wie Kleidung oder Bräuche – werden als grundsätzlicher und bestimmender Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften gedeutet und nach Wertigkeit eingeteilt. Dabei betrachten Rassisten alle Menschen, die ihren eigenen Merkmalen möglichst ähnlich sind, grundsätzlich als höherwertig, während alle anderen (oftmals abgestuft) als geringerwertig diskriminiert werden. Mit solchen Rassentheorien, die angeblich wissenschaftlich untermauert sind, wurden und werden diverse Handlungen gerechtfertigt, die den heute angewandten allgemeinen Menschenrechten widersprechen.

Der Begriff Rassismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der kritischen Auseinandersetzung mit auf Rassentheorien basierenden politischen Konzepten. In anthropologischen Theorien über den Zusammenhang von Kultur und rassischer Beschaffenheit wurde der Begriff der Rasse mit dem ethnologisch-soziologischen Begriff „Volk“ vermengt, z. B. von der „völkischen Bewegung“ in Deutschland und Österreich.

Rassismus zielt dabei nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe, sondern stellt deren Gleichrangigkeit und im Extremfall deren Existenzberechtigung in Frage. Rassistische Diskriminierung versucht typischerweise, auf (projizierte) phänotypische und davon abgeleitete persönliche Unterschiede zu verweisen.

Unabhängig von seiner Herkunft kann jeder Mensch von Rassismus betroffen sein. Das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung unterscheidet nicht zwischen rassistischer und ethnischer Diskriminierung. Ein erweiterter Rassismusbegriff kann auch eine Vielzahl anderer Kategorien einbeziehen. Menschen mit rassistischen Vorurteilen diskriminieren andere aufgrund solcher Zugehörigkeit, institutioneller Rassismus verweigert bestimmten Gruppen Vorteile und Leistungen oder privilegiert andere. Rassistische Theorien und Argumentationsmuster dienen der Rechtfertigung von Herrschaftsverhältnissen und der Mobilisierung von Menschen für politische Ziele. Die Folgen von Rassismus reichen von Vorurteilen und Diskriminierung über Rassentrennung, Sklaverei und Pogrome bis zu sogenannten „ethnischen Säuberungen“ und Völkermord.

Zur Distanzierung vom Rassebegriff wird in der Humanbiologie heute nur noch eine (willkürliche) Untergliederung des Menschen in Populationen vorgenommen. In der Biologie ist Homo sapiens die einzige rezente Art und wird weder in „Rassen“ noch in Unterarten unterteilt.

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