Freiheit vs. Wissenschaft?

Die Coronaprotestierenden haben keine Antwort auf die Frage, wie unsere Gesellschaft Individualität und Solidarität, Wissenschaftlichkeit und Freiheit garantieren kann. Aber sie ziehen Radikale an und es kann zu einer Gefahr für unsere Demokratie anwachsen. Ein Ansatz zur historisch-vergleichenden Einordnung:

Mit den Coronaprotesten ist ein längst erledigt geglaubter Aufprall zweier Welten wieder zu erleben: auf der einen Seite die Wissenschaften, auf der anderen Seite den wissenschaftlichen Common Sense bei Hygienevorgaben und Impfungen ablehnende Protestierende. Und zunehmend dabei: Mordaufrufe, Neonazis und Eskalation.

Die wöchentlichen Demonstrationen gegen die Coronapolitik sind augenscheinlich rein tagespolitisch, aber aus historischer Perspektive das öffentliche Gesicht einer alten, im Verborgenen stets schwelenden Unvereinbarkeit zwischen den Zumutungen der Wissenschaft und dem mittlerweile so sehr von ihr abhängigen Individuum, das sich bis zum grundsätzlichen Misstrauen und offener Ablehnung der medizinischen Empfehlungen steigert.

Doch darf jede Sorge oder Kritik bezüglich der Pandemiepolitik zur Wissenschaftsfeindlichkeit erklärt werden? Eine historisch-politische Einordnung und differenzierte Bewertung der aktuellen Coronaproteste ist die Voraussetzung, um die Debatte zu versachlichen, Verunsicherungen einzufangen und auch mutige Schritte umsetzen zu können.

Die antisemitische Historie der Wissenschaftsfeindlichkeit

Die Impfgegnerschaft hat eine lange Vorgeschichte, einige Parallelen und ein entsetzliches Ende. Die sogenannte Schulmedizin wurde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als jüdisch angesehen und insbesondere wurde antisemitische Stimmung gegen das Impfen gemacht. Gleichsam wurde nicht nur die Medizin bekämpft, sondern auch modern-abstrakte Kunst als „entartet“ und jüdisch deklariert, wurden Bücher verbrannt sowie ganze Wissenschaften, wie etwa die Physik, negiert. So strebten die Nationalsozialisten danach, eine „Deutsche Physik“ zu etablieren, um einen Gegenentwurf zur insbesondere von Einstein geprägten universitären Physik zu schaffen.

Obwohl rund ein Viertel der deutschen Nobelpreise an jüdischstämmige Wissenschaftler:innen ging und sich die weltweite Wissenschaftswelt weitgehend einig war, endete die zur Rassenfrage erklärte Feindschaft im Tod von Millionen unschuldigen Menschen.

Denn die Nationalsozialisten teilten die Geschicke der Welt manichäisch auf, erklärten die gesellschaftliche Fortentwicklung an sich als jüdisch und setzten dagegen die Wiedereinsetzung einer allein durch Volk und Natur mythisch selbst erzeugten Gesellschaftsordnung; einen fabulierten vorjüdischen Zustand, als befreit von allen modernen Ungewissheiten und Uneindeutigkeiten imaginiert.

Kunst und Wissenschaftsprozesse kann man jedoch auf Dauer nicht politisch verbiegen. Deshalb stellten der mittelalterliche Antijudaismus und die antisemitischen Reflexe auch gar keine machtpolitischen Perspektiven in einer modernen Welt dar. Daher steigerten sich Antimodernismus, Antiintellektualismus und Antiszientismus stattdessen zum biologistisch hergeleiteten eliminatorischen Antisemitismus, der Auslöschung des jüdischen Volkes.

Antisemitismus war und ist das feigste und niederträchtigste Gefecht mit den Überforderungen der Moderne, die vor allem aus einer fortwährenden Kränkung des auf Identität, Glaube und Macht gestützten Subjekts besteht. Nun wird der sich mündig, frei und vital wähnende Mensch ein erneutes Mal gekränkt; er hat sich Hygienevorgaben zu beugen und fühlt sich nicht mehr als Herr seines Körpers, seines Wissens und seines Bauchgefühls.

Doch ist durch diese historische Ineinssetzung von Phänomenen der Moderne und als jüdisch deklarierten angeblichen Lenkern der Moderne nun jeder Zweifel und jede Kritik etwa an der Relativitätstheorie oder an Impfungen im Jahr 2022 gleichsam faschistisch oder antisemitisch?

Nein. Wissenschaftsfeindlichkeit gab und gibt es vielgestaltig. So bekämpfte beispielsweise auch Stalin wesentliche biologische Erkenntnisse und wollte mit aller Macht eine eigene, alternative Genetik durchsetzen, die eher der Sowjetideologie entsprach – aber weniger den Wissenschaften. Aber zum Gesamtbild gehört allerdings dazu, dass es auch unter Stalin gezielte Gräueltaten gegen jüdische Intellektuelle und Mediziner:innen gab, da das Misstrauen ihnen in besonderem Maße galt.

Zweifel und Misstrauen sind aber nicht unwissenschaftlich – im Gegenteil ist es Grundlage jeder Wissenschaft. Ja, ohne beständige Selbstzweifel und institutionalisierte, systeminhärente Ausrichtung an Widerlegbarkeit und Korrektur ist Wissenschaft gar keine Wissenschaft. Der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper setzte dieses epistemologische Selbstverständnis, dessen Gültigkeit unbestritten ist. Genau dies ist auch die Basis des wissenschaftlichen Common Sense und der Kern von Wissenschaftlichkeit.

Antimodernismus als ideologische Grundlage

Wissenschaftsfeindlichkeit ist vielmehr das Gegenteil von Zweifel und Skepsis. Sie ist die Vorstellung, dass alle Probleme, die auch in der modernen Welt fortbestehen, die genuinen Probleme der Moderne seien. Statt sich aber der Analyse von Kapitalismus, Herrschaft und Ausbeutung anzunehmen, wird eine romantisierte Welt frei von Ratio, Analyse und Abstraktion entworfen. Denn diese Triebkräfte der Aufklärung werden für die Entfremdung des Menschen von der Natur und von sich selbst verantwortlich gemacht.

Der Weg zu organischen Gesellschaftsentwürfen, wo das Gesunde, Reine und Starke verabsolutiert wird, ist dann nicht weit. Die Freiheit des Erkrankten, Unangepassten und Schwachen gilt dann jedoch nichts mehr. Und hier ist auch die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen historischer Wissenschafts- und Modernefeindlichkeit und den aktuellen Coronaprotesten.

Es ist jedoch wichtig, den Bezug zum Nationalsozialismus nicht überzustrapazieren. Dies kann innerhalb der Proteste als Beleg dafür fungieren, dass die gesamte Kritik an ihnen keine Grundlage hätte. Auch sind die Teilnehmenden aus zu unterschiedlichen sozialen Kontexten entstammend, um grobe Kategorien zu verwenden. Eine Anthroposophin, die die „Schulmedizin“ ablehnt, hat mit einem AfDler, der zu Pandemiebeginn nicht genug staatliche Interventionen fordern konnte und nun die Maßnahmen am radikalsten ablehnt, wenig gemeinsam.

Umso wichtiger ist es, die viel grundlegendere historische Traditionslinie, die global vorhanden und analytisch erklärbar ist, aufzuzeigen. Es ist die Vorstellung, dass man selbst eine reine Natur hätte und alle Schwierigkeiten, Ängste, Zweifel, Hässliches, Fehlerhaftes nur unnatürliche Fremdeinwirkungen wären – man selbst will sich durch die Externalisierung freisprechen. Verantwortung ablegen, die Last von sich nehmen, die Ängste verdinglichen, um sie zu überwinden.

Sind Coronaproteste Einsatz für die Freiheit?

Sind aber die aktuellen impfkritischen Demonstrationen vielleicht nicht einfach nur dem Verlangen nach Freiheit und Selbstbestimmung zuzuordnen? Im Zweifel für die Freiheit, ist doch eine gesellschaftliche Übereinkunft, der sich die als „westliche Werte“ bekannte DNA unserer Gesellschaft verschrieben hat.

Eine kritische Öffentlichkeit, die nicht alles hinnimmt, wenn kollektiver Druck oder gar exekutiver Zwang droht, ist doch eine Errungenschaft unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und kann eine staatliche Impfpflicht nicht auch dieser Grundordnung widersprechen und mithin Proteste und Aufbegehren legitimieren?

An dieser Stelle wären zwei wesentliche Aspekte zu beachten:

Zum Einen muss geschaut werden, wer die Hauptorganisator:innen der Proteste sind und zum Anderen, wofür die Teilnehmenden stehen. Also, aus welcher Richtung kommt der Kern des Protests und setzt man sich für Freiheit, Vernunft und Werte ein – oder ist eine Prägung durch Ideologie und Rücksichtslosigkeit vorherrschend?

Natürlich ist jeder Protest und ist jede Demonstration nicht einheitlich und es treffen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen aufeinander. Im Jahr 2020 waren die Coronademos eine Mischung aus fast allen denkbaren Milieus. Dennoch fielen insbesondere Anhänger:innen des QAnon-Kults auf, dessen Ziel die Wiederbelebung mittelalterlicher antisemitischer Verschwörungserzählungen ist.

Und auch unabhängig von dieser bizarren und zugleich gefährlichen Gruppe gab es zahlreiche Verharmlosungen des Holocausts sowie reichsbürgerliche Propaganda. Die Flagge, die die Nationalsozialisten in ihren ersten Regierungsjahren wiedereinsetzten, dominierten die Protestzüge. Denn das Hakenkreuz ist ja bekanntlich verboten.

Und wer mit all dem nichts zu tun hatte und nichts zu tun haben wollte – auf den Coronademos konnte man sich dennoch sowohl mit SARS-CoV-2 als auch mit dem Virus des Antisemitismus und Faschismus infizieren.

Das Versagen der Gesellschaft

Dies ist aber auch Zeichen eines staatlichen und gesellschaftlichen Versagens. Denn nicht wenige Teilnehmende sind weder politisch radikal, noch dezidiert wissenschaftsfeindlich. In Zeiten, in denen jeder Mensch Medikamente nimmt und dankbar für medizinische Hilfe im Krankheitsfall ist, in denen sogar die meisten rechten Organisationen betonen, nur die grundgesetzlichen Rechte und die Demokratie verteidigen zu wollen, ist es auch abwegig, pauschal irrationale oder per se antidemokratische Haltungen anzunehmen. Vielmehr sind es oft unterschiedliche Verstehenshorizonte und moralische Grundeinstellungen, die den Unterschied machen.

Wer hingegen die Demokratie nur deshalb zu verteidigen betont, weil die Ampelkoalition eine „Diktatur“ sei, steht mit Sicherheit nicht auf dem Boden unserer Verfassung. Wer medizinischen Rat erst dann befolgt, wenn die Lunge bereits durch Covid-19 angegriffen ist, richtet sich gewiss nicht nach grundlegenden Erkenntnissen der Wissenschaft.

Und dennoch und gerade deshalb ist das politische und gesamtgesellschaftliche Versagen, dass viele Bürger:innen mit ihrer Unzufriedenheit, mit ihren Sorgen, Fragen und Nöten immer häufiger auf fragwürdige Telegramkanäle stoßen, Fake News teilen, Seite an Seite mit Neonazis demonstrieren, an der Demokratie und den Wissenschaften zweifeln – statt kompetente Auskünfte einzuholen, die öffentliche Debatte sachlich mitzugestalten, konstruktiven Protest zu organisieren.

Diese Entwicklung kann nicht per se einseitig denjenigen Menschen angelastet werden, die angesichts der wirtschaftlichen und psychischen Dimension der Coronamaßnahmen verzweifelte, teils nachvollziehbare und durchaus auch falsche Entscheidungen treffen. Vielmehr sind die zivilgesellschaftlichen Kräfte gefordert, ihre eingeforderte Solidarität noch stärker selbst auszuweiten.

Wo bleibt die Energie der Nachbarschaftshilfen, die während der ersten Welle die Menschen abholte und stütze? Wo bleiben die solidarischen Kundgebungen für die wirtschaftlich und sozial Betroffenen der Pandemie, etwa im kulturellen Bereich, in der Pflege oder in Entwicklungsländern? Wo bleiben die wirkmächtigen Forderungen nach besserer Ausstattung von Kindergärten, Schulen, Heimen und Krankenhäusern? Und wo bleiben die Politiker:innen, die sich all dieser Anliegen tatkräftig annehmen?

Wir müssen nicht hinnehmen und zuschauen, wenn sich Bürger:innen radikalen Demonstrationen anschließen oder insgeheim mit ihnen sympathisieren. Wir können diese Entwicklung kritisieren, sowohl in Bezug auf die Umstände, als auch auf die Ursachen dieser Umstände. Ansonsten könnte die Entwicklung eines Tages soweit in die falsche Richtung fortgeschritten sein, dass die Gesellschaft als Ganzes gar keine echten Handlungsoptionen mehr hat und vor Protest, Extremismus, Unvernunft und Gewalt kapituliert.

Die Gefahr der Radikalisierung und Instrumentalisierung durch Rechtsextreme

Denn die aktuellen Coronaproteste im Winter 2021/22 stellen nochmal eine neue Dimension dar: Während die AfD zuvor dazu neigte, eigenständige Demonstrationen durchzuführen und die Kräfte rechts der AfD zu organisationsschwach waren, bilden nun sämtliche Strömungen gemeinsame Aufmärsche. Besonders in den neuen Bundesländern stehen die Proteste auf organisatorischen Ressourcen des rechtsradikalen, zuweilen kriminell-verfassungsfeindlichen, Bereichs.

Und distanzierten sich die Coronaprotestierende 2020 noch ostentativ von „den Rechten“ und relativierte man eilig die extremistische Symbolik, so befinden sich die rhetorischen Gräben nun nicht mehr innerhalb der verschiedensten gesellschaftlichen Interessen und Gruppen, sondern existieren unüberwindbare tektonische Verwerfungen zwischen den Protestierenden auf der einen Seite und den „Etablierten“ auf der anderen Seite. Und zu letzteren gehören viele Vertreter:innen von sowohl Wissenschaft, als auch Politik und Medien.

Die Forderung nach einer Impfpflicht ist bereits eine Kapitulation vor Protest und Unvernunft, die nicht nötig wäre, wenn die Impfquote im deutschsprachigen Raum nicht so erschreckend niedrig wäre. Und die Debatte um eine Impfpflicht heizt wiederum die Proteste an.

Hierbei wird bewusst eine Fusion aller Coronaproteste vorangetrieben, von der sich alle Beteiligten Vorteile versprechen. Die ursprünglichen Protestierenden – neben allgemeinen Gegner:innen der angeordneten Hygienemaßnahmen, vor allem auch solche aus dem Spektrum der Querfront, Esoterik, alternativen Heilmedizin, Anthroposophie und Verschwörungswelt sowie vereinzelt radikale Libertäre – sind mittlerweile die Minderheit auf ihren eigenen Veranstaltungen.

Es dominiert nun eher das typische AfD-/NPD-/Pegida-Milieu, welches aufputschende Wortwahl, schrille Tonlage und vor allem Radikalität und Gewaltneigung vorantreibt. Es vergeht mittlerweile kein Tag mehr ohne Mordaufrufe.

Mittelfristig wächst eine Gefahr für die Demokratie

Doch die Größenordnungen sind auch klar: während es mit einigen zehntausend Teilnehmenden die größten Demonstrationen seit langer Zeit sind, lassen sich wesentlich mehr Menschen impfen. Denn jeden einzelnen Tag lassen sich derzeit rund eine Million Menschen impfen, insgesamt mehr als 60 Millionen allein in Deutschland.

Im Gegensatz zu früheren gesellschaftlichen Konflikten haben wir es also nicht mit einer untätig-passiven Mehrheit zu tun, sondern die Menschen entscheiden sich gezielt und bewusst dafür, dass ihnen ihre eigene und die Gesundheit ihrer Mitmenschen wichtig ist.

Dieses ungleiche Verhältnis korreliert jedoch mit der Radikalität der Proteste auf den Straßen. In einigen Ländern schlug sie bereits in offene Gewalt um. In Deutschland kündigt sich die Radikalisierung dadurch an, dass man dieselben Kräfte, die nach 2015 Proteste gegen Geflüchtete durchführten, wieder an vorderster Front sieht.

Obwohl sich die Gegner:innen der Impf- und Hygienemaßnahmen weit über das rechtsradikale Milieu hinaus erstrecken und zugleich das Rechtsaußenspektrum ursprünglich uneinig war in der Haltung gegenüber Corona, ist eines deutlich: das Protestpotenzial wurde erkannt und es wird für die Verbreitung ihrer eigenen Agenda verwendet.

Hierfür werden bewusst Fake News verbreitet oder zumindest gewisse Ungewissheiten verzerrt dargestellt, um den politischen Feind zu schwächen, eine parteipolitische Lücke zu schließen und letztlich Anschlussfähigkeit rechtsradikaler Ideologien herzustellen.

Die Wandlungsfähigkeit von rechtspopulistischen Strömungen ist ihnen inhärent; sie nehmen Vorurteile und Ängste in der Bevölkerung auf, fungieren dann als Verstärker dieser Emotionen und wachsen daran. Rechtsextremisten wiederum suchen aktiv die Nähe dieser leider erfolgreichen Strategie, da ihr Nischendasein in Kleinstparteien und Randgruppierungen dem Anspruch, für „das Volk“ zu sprechen zuwiderläuft.

Im schlimmsten Falle verrutschen dann die Machtverhältnisse der ganzen Republik ins Antidemokratische. Genau diese Tendenzen sind aktuell zu beobachten: die extremen Ränder mischen sich unter populistische Bewegungen und thematische Proteste und arglose Bürger:innen und mehrere Protestgründe sammeln sich über die Jahre hinweg an. Das Vorgehen dahinter wird als Metapolitik beschrieben und ist dem eigentlichen Ziel untergeordnet: letztlich die Machtübernahme und zwar ohne die Zermürbung durch die politischen Instanzen.

Nun könnte man darauf bestehen, dass weder Impfgegnerschaft noch die zahlenmäßig immer noch übersichtlichen Demonstrierenden auch nur entfernt eine Gefahr für die Demokratie seien. Diese Sichtweise blendet die dynamische Gemengelage aus, in der diese Proteste zu verorten sind. Zum Einen wird Leben und Gesundheit von Unbeteiligten gefährdet, was das Unverständnis für die Anliegen ins Unermessliche steigern kann. Und dies führt zu strikteren Maßnahmen zur Pandemieeindämmung und somit zu noch stärkerer Protesthaltung als Gegenreaktion.

Und hier kommen nun die personellen Verflechtungen zum Tragen, da sich am rechten Rand zahlreiche Gewalttätige befinden, teilweise massiv bewaffnet und darauf wartend, diese Waffen einzusetzen. Aber auch unter den nichtextremistischen Coronaprotestierenden herrscht bereits eine hochaggressive Grundstimmung; in Brandenburg tötete ein Mann seine gesamte Familie, nachdem seine Impfpassfälschungen erkannt wurden. Ein Tankstellenmitarbeiter wurde getötet, nachdem er auf die Maskenpflicht hinwies. Es gibt etliche Mordaufrufe in den einschlägigen Telegramkanälen und es gibt weitere Beispiele brutalster Gewalt, die von radikalisierten Coronamaßnahmengegner:innen ausgeht.

Jederzeit kann es zu größeren Gewaltausbrüchen kommen und jederzeit können hier die zahlreichen hochbewaffneten Verfassungsfeinde am rechten Rand oder psychisch labile Einzeltäter:innen zur Tat schreiten.

Und selbst wenn all dies ausbleibt; so nährt auch die punktuelle und nicht intendierte Kooperation mit rechten Kräften deren Strategie, das Vertrauen in die Demokratie zu schwächen. Wenn sich Wissenschaftsskepsis, Fakenews-Anfälligkeit, Populismus und unsolidarische Grundstimmung mit dezidierter Demokratiefeindlichkeit vermengen, kann sich mittelfristig eine Entzweiung der Gesellschaft entwickeln, die nachhaltig fortbesteht, sich selbst nährt und am Ende keinen anderen Ausweg aus der empfundenen oder tatsächlichen Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft weiß, als zur Gewalt zu greifen.

Faschismus als Kampf gegen Vernunft, Moderne und Solidarität

Wenn die vielfältigen, kleinen und natürlichen Konfliktlinien einer jeden Gesellschaft überdeckt werden von einem großen Bruch zwischen A) nach innerer Homogenität strebenden Gegnerschaft zur B) pluralistischen und weltoffenen, allein den Menschenrechten und der Vernunft verpflichteten, demokratischen Gesellschaft, dann kann dieser Bruch in der Herrschaft von A), der Machtübernahme durch den Faschismus, enden.

Die Geschichte zeigt, dass eine solch Entwicklung möglich ist: die Überwindung einer angeblichen „Spaltung“ des imaginierten Volkskörpers, deren Ursache einer als volksfremd deklarierten Einflusswirkung zugeschrieben wird. Hierbei wird Entfremdung des Menschen zur Haupterzählung, aber nicht durch Kapital und Arbeit, sondern durch Vorgänge, die den Menschen von der Natur entfernen – unnatürlich, künstlich, unorganisch, giftig, die Moderne insgesamt, als Zerstörerin des natürlich Starken, intuitiv Richtigen und der spirituell erfahrbaren Einheit von Einzelnem, Gruppe und Ganzem. Die Natur aber ist nicht per se rein, richtig, robust. Sie kann genauso gut unseren moralischen Ansprüchen nicht genügen, gefährlich oder fehlerhaft sein.

Diese Haupterzählung der Moderne als giftiger Gegenpart zur reinen Natur ist auch die ideologische Klammer zwischen Impfgegnerschaft im historischen Kontext und den heutigen Coronaprotesten. Diese gerieren sich antielitär, gegen „die da oben“, aber verharren innerhalb kapitalistischer Denkmuster, indem sie nicht die globalen Ungerechtigkeiten während der Pandemie thematisieren und auch selten die am pandemiebedingten Limit Arbeitenden – sondern sich vornehmlich um ihre eigene Interessenssphären drehen. Das große Wort „Freiheit“ wird skandiert, meint aber nicht die Freiheit Aller, ein Leben in Gesundheit, Würde und Solidarität zu führen.

Es ist stattdessen auf die eigene Freiheit konzentriert, die sich durch die Abwesenheit von Maske, Abstand und mRNA definiert. Und dies erklärt auch die starke Beteiligung radikaler Libertärer bei den Demonstrationen: Impfgegnerschaft als Vehikel der eigenen proprietaristischen Ideologie, die tief im Antidemokratischen und Elitaristischen zu verorten ist. Der historische Faschismus ging entsprechend auch eine Allianz mit dem Kapital ein und sog die wirtschaftsliberale Klientel weitestgehend in sich auf.

Und genauso wie Anfang des 20. Jahrhunderts die durch Ratio und Diversität definierte Demokratie beseitigt werden sollte, sind auch heute wieder die Antidemokraten aller Provenienz treibende Kräfte.

So werden auf den Coronademonstrationen die Rufe nach einem „Nürnberg 2.0“ laut, also einem Tag der Rache und Abrechnung mit der aktuellen Regierung, aber auch mit den Medien und der Wissenschaft. Dies analog zu oder gar gemeinsam mit den Preppergruppen, die Waffen und Munition horten und sich auf den Tag X vorbereiten.

Was Impfgegner im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik gemeinsam haben

Impfgegnerschaft und Drittes Reich verband die sozialdarwinistische, ja tödliche, Abneigung gegen Wissenschaft und Moderne. Germanische Medizin oder Deutsche Physik waren Teilphänomene des gesamten völkischen Rassismus und Antisemitismus und alles zusammen war eine fürchterliche historische Sackgasse. Und das millionenfache Leid, das der Faschismus erzeugte, war unbeschreiblich.

Besorgt darf man daher durchaus sein, wenn man nicht nur die Kontinuität der Impfgegnerschaft und Wissenschaftsfeindlichkeit sieht, sondern auch das Wiederaufleben der ideologischen Basis: Von Beginn an waren die Coronaproteste von antisemitischen Verschwörungsideologien und provokanten Holocaustrelativierungen geprägt.

Etliche Morde und Attentate der vergangenen Jahre gingen auf das Konto von solchen Verschwörungsideologien, etwa in Hanau. Dieses mörderische Potenzial steckt in jeder Bewegung, zumeist indirekt. Denn es genügt, wenn friedlich bleibende Protestierende Andeutungen machen, Internetquellen teilen, Netzwerke schaffen. Irgendwann, irgendwo kann durch die dadurch erzeugte Stimmung jemand ausrasten und zur Tat schreiten.

Die notwendige Antwort der Gesellschaft

Aber auch ohne dieses denkbare Szenario sind die aktuellen Coronademonstrationen zu verurteilen. Denn zur gleichen Zeit kämpft das medizinische und Pflegepersonal um das Leben von Erkrankten. Operationen müssen abgesagt werden, weil die Kapazitäten fehlen. Personal erkrankt selbst oder ist zu erschöpft, um die Arbeit zu schaffen. Immer wieder müssen Ärzt:innen weltweit entscheiden, welche Patient:innen die knappen Ressourcen bekommen – und wer sterben muss. Die Lage in den Krankenhäusern ist katastrophal, der Tod so allgegenwärtig wie selten zuvor.

Die statistische Übersterblichkeit ist derzeit von historischem Ausmaß, insbesondere in Nord- und Südamerika sowie Osteuropa. Hinzu kommen zigtausende Menschen, die einen milderen Covid-19-Verlauf hatten, aber auf lange Frist mit schweren Folgen zu kämpfen haben. Long Covid und Post Covid sind noch wenig erforscht, aber die negativen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der Betroffenen sind sehr stark.

Und vor diesem Hintergrund finden sich auf den Straßen des Landes Protestierende zusammen, die oftmals grundlegendste Hygienemaßnahmen absichtlich ignorieren und damit selbst die Pandemie vorantreiben.

Und eine weitere Parallele scheint sich anzubahnen: der mRNA-Impfstoff hat unermessliches Potenzial bei der Bekämpfung von Krebs, Multipler Sklerose und anderen derzeit noch schwer und nicht heilbaren Erkrankungen. Der historische Widerstand gegen die Impfungen, der mit Wissenschaftsfeindlichkeit und Antisemitismus einherging, könnte sich nun wiederholen – als Sackgasse des Widerstands gegen die mRNA-Forschung. Auch hier muss es heißen, aus der Geschichte zu lernen.

Natürlich gibt es bei politischen Entscheidungen immer auch mehr oder weniger gut fundierte Gründe, diese zu kritisieren. Aber die Impfung gegen SARS-CoV-2 reduziert erwiesenermaßen die schweren Krankheitsverläufe, entlastet mithin die Krankenhäuser und reduziert die Risiken, Schäden und Leiden. An diesem Fakt ändert das Aufkommen neuer Virusvarianten nicht viel, obgleich angepasste Impfstoffe ein dringendes Desiderat sind.

Und auch muss die Politik bei weitem mehr zur Bekämpfung des Virus tun, etwa durch die Ausstattung unserer Schulen und Kindergärten mit Luftreinigungsanlagen und -geräten. Kinder erkranken kaum an Covid-19, aber infizieren andere, auch Risikogruppen.

Impfungen senken nicht nur nachweislich das Risiko eines schweren Verlaufs, sondern verhindern auch verstärktes Auftreten von Long Covid und senken sogar die Ansteckbarkeit. Es ist angesichts der Situation in den Krankenhäusern daher unverantwortlich, dass die Impfquote noch immer so niedrig ist.

Ja, eine Impfung wirkt nicht dauerhaft und ja, das Virus wird uns womöglich noch viele Jahre einschränken. Aber jeder von uns kann eines Tages ein Fall für die Intensivstation werden, auch jüngere Menschen. Wenn in den Krankenhäusern jedoch Triage angewendet werden muss, ist auch die medizinische Versorgung für alle Menschen – ob geimpft oder ungeimpft – nicht mehr gesichert.

Je stärker sich das Virus ungehindert ausbreiten kann, weil die Impfquote zu niedrig ist und sich daher immer neue Mutanten entwickeln können, desto mehr wird die gesamte Infrastruktur des Landes belastet. Schließungen von Einrichtungen sind schwer zu ertragen und ökonomisch sehr ungünstig – aber sie sind zeitlich und branchengemäß kontrollierbar. Wenn aber die Menschen aufgrund von Erkrankungen branchenübergreifend und auch in zentralen, lebensnotwendigen Bereichen, krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten können, dann lässt sich nichts mehr steuern.

Solidarität bedeutet unser aller Freiheit verteidigen

Wer sich also vergegenwärtigt, wer an den Coronaprotesten teilnimmt, welche gefährlichen Ideologien dort teilweise präsent sind, welche historische Linie besteht, welche Auswirkungen das Verweigern von Impf- und Hygienemaßnahmen hat, welche Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Krankenhauspersonal und den von Covid-19 Betroffenen, somit gegenüber der gesamten Gesellschaft, dadurch gezielt erzeugt wird – kann sich nur in aller Deutlichkeit von diesen Demonstrationen distanzieren.

Auch wenn der eine oder die andere eine allgemeine Impfpflicht oder einzelne Impfstoffe und ihre Produktion kritisch sehen sollte, so muss doch klar sein: nur wenn wir solidarisch Verantwortung für alle Menschen übernehmen, wenn wir bei Fakten bleiben und der Wissenschaft vertrauen, wenn wir zu Demokratie und Rechtsstaat stehen, nur dann lässt sich die Krise bestehen, lassen sich die Risiken und Schäden minimieren, können wir alle gemeinsam die Zeit nach Corona neu gestalten – krisenfester, solidarischer, ethischer und gerechter.

Und auf diese Weise wird unser aller Freiheit aufrechterhalten und verteidigt.

Wer an Covid-19 erkrankt, verlässt sich auf das Krankenhauspersonal und die Wissenschaftler:innen. Denn das eigene Leben hängt daran. Hören wir also auch auf die medizinisch Ausgebildeten und die Wissenschaften, was sie zu sagen haben, wenn es nicht um einen selbst geht, sondern um das Leben und die Gesundheit Aller!

Literatur/Quellen

Aufruf für den 14.02. um 19 Uhr auf dem Greifswalder Marktplatz

Solidarität ist auch kommenden Montag wieder gefragt! Setzen wir wieder gemeinsam ein Zeichen für Mitmenschlichkeit, Vernunft und Demokratie.

Die „Querdenkenden“ distanzieren sich ausdrücklich nicht vom rechten Rand und verbreiten stumpfe, gefährliche Verschwörungsideologien. Greifswald steht auf und überlässt ihnen nicht unwidersprochen den öffentlichen Raum. Alle demokratisch gesinnten Greifswalder*innen sind eingeladen.

Wir setzen in Zeiten der Pandemie auf Solidarität statt Egoismus. Helft mit, ein starkes Zeichen für Empathie, Wissenschaftlichkeit und Demokratie zu setzen!

Verschwörungsgläubiges Geschwurbel und antidemokratische Rhetorik sind brandgefährlich – wir dürfen nicht zulassen, dass sich Forderungen nach einem „Nürnberg 2.0“ oder das Gerede von der „Plandemie“ in der Mitte der Gesellschaft durchsetzen! #hgw1402

Eine Antwort auf einen Brief

kommentierter Redebeitrag von Anne Wolf am 7. Februar 2022 – begonnen auf der Kundgebung „Mein Körper, meine Wahl“ und beendet auf der Versammlung vom Bündnis Greifswald für Alle „Solidarität statt Hass, Fake News und Hetze

Die Greifswalder Querdenker*innen haben uns per längerem Schreiben auf facebook eingeladen: Nach 20 Uhr, nach dem Ende ihrer Kundgebung am 7. Februar würden sie gern mit uns ins Gespräch kommen. Natürlich ist das ein scheinheiliger Antrag – und so spricht Jordan es auch in einem ersten Redebeitrag auf der Mahnwache von „Greifswald für alle“ aus. Vielleicht müssen die Verfasser*innen auf der anderen Seite des Marktes aber doch einmal hören, was das Problem ist: Nämlich nicht ihre völlig legitime Nutzung des Rechtes auf freie Meinungsäußerung, sondern die Gesellschaft, in der sie sich befinden sowie die grundsätzlich antidemokratische und unwissenschaftliche Haltung, die bei den Querdenker*innen Usus ist.

Ich frage den Versammlungsleiter, Herrn Pieper, ob die Möglichkeit bestünde, am Mikrophon auf „seiner“ Seite des Marktes zu sprechen. Er bejaht dies und ist mit fünf Minuten einverstanden. Ich möge bitte pausieren, falls Buhrufe zu laut würden; und wenn die Ablehnung zu heftig werde, müsse man eventuell auch abbrechen.

Bevor ich die Bühne betrete, kommt Thomas Putensen herunter. Als Lokalgröße in Sachen Musik hat er – wie fast jeden Montagabend – aufgespielt. In den letzten Jahren ist er weniger durch überzeugende künstlerische Projekte als vielmehr durch das Verbreiten von Verschwörungsmythen und seine Nähe zur Greifswalder Provinz-PEGIDA aufgefallen, mit der er sich auch immer wieder gern eine Bühne geteilt hat. Er steht (nicht allein natürlich) für die auch personelle Kontinuität der verschiedenen Montagswahnmachen. Sollte er jemals wirklich zukunftsweisende Ansichten gehabt haben, muss das auf jeden Fall schon lange her sein. Er begrüßt mich mit ausgestreckter Hand und einem Lächeln, das sich auf die hochgezogenen Mundwinkel beschränkt: „Ich bin der Thomas.“ Es ist keinesfalls unsere erste Begegnung, aber ich verkneife mir das Augenrollen: „Ich weiß. Ich habe deinen Sohn mehrere Jahre lang unterrichtet.“ Ich hebe die Hände und signalisiere, dass ich ihm nicht die Hand geben werde. Er nimmt das – natürlich – als Affront. „Abstand ist der neue Anstand“, sage ich noch über die Schulter und steige die Stufen zu Herrn Pieper hinauf, der mir das Mikro reicht und dann die kleine Bühne verlässt. Auf dem Platz ist es still, als ich beginne.

Immer wieder haben die Querdenker*innen betont, ihr Mikro sei ein offenes. Sie haben sich sogar beschwert, dass andere Menschen als sie davon keinen Gebrauch machen wollten. Wir werden sehen, was geschieht, wenn dort jemand spricht, der andere Überzeugungen vertritt als sie.

Guten Abend.

Das Bündnis „Greifswald für alle“ hat Post bekommen; und an genau die Absender*innen jenes Schreibens richten sich die folgenden Worte. Also:

Sehr geehrte Damen („Verkäuferinnen, Auszubildende“) und Herren („Ärzte, Rechtsanwälte, Physiotherapeuten, Krankenpfleger, Ingenieure, Handwerker, Schüler, Studenten, Auszubildende und weitere Berufsgruppen“):

Wie Sie selbst in Ihrem Brief an das Bündnis „Greifswald für alle“ betonen, steht auf dieser Seite des Marktes heute abend keinesfalls eine homogene Gruppe.

Hier gibt es ein wenig Unruhe. Sicher kennen nicht alle Leute auf dieser Seite den Brief und seinen Inhalt, man ist augenscheinlich teils nicht einverstanden.

Diejenigen von Ihnen, die an uns geschrieben haben, haben dies in einem respektvollen und auch um Verständnis werbenden Tonfall getan.

Wir werden hier nicht auf alle Punkte in Ihrem Schreiben eingehen; zum Beispiel: In der Analyse der Frage, ob – und warum – die Krankenhäuser, die Ärzt*innen und Pflegenden seit langer Zeit über alle Maßen belastet sind oder wie sich für alle jungen Menschen wieder eine weniger beschwerte Kindheit und Jugend gestalten ließe, vertreten wir gut begründet und auf dem Boden der Tatsachen ganz andere Auffassungen als Sie. Anders als Sie beschäftigen uns die – wirklich sehr seltenen – möglichen Impfkomplikationen erheblich weniger als die Tatsache, dass an Corona weltweit bereits 5,8 Millionen, in Deutschland allein schon fast 120.000 Menschen gestorben sind.

Die Unruhe, die während dieses Absatzes aufkommt, entlädt sich nun lauter: „Blödsinn!“, „Lüge!“, tönt es mir entgegen; es gibt Buhrufe. (Nachtrag: Mehr Informationen über die Zahl der Coronatoten sind hier zu finden.)

Missverständnisse zwischen Ihnen und uns können wir an keiner Stelle erkennen, da gibt es also nichts zwischen uns zu klären. Aber dennoch finden wir, dass Ihr Schreiben eine Antwort verdient.

Trillerpfeifen, Gelächter.

Erstens: Einige von Ihnen haben Befürchtungen bezüglich der Impfung gegen Corona. Sie haben grundsätzliche Bedenken gegenüber noch so neuen wissenschaftlichen Errungenschaften, oder Sie haben (Ihrem Brief zufolge) schlechte Erfahrungen mit einer ersten Impfung gemacht. Wir empfehlen Ihnen sachliche Gespräche mit Ihren Hausärzt*innen oder, falls Ihnen der Gedanke an eine Spritze – egal, mit welchem Inhalt – schon immer Unbehagen bereitet hat, zum Beispiel mit der Psychologin Prof. Dr. Brakemeier. (Link 1, Link 2, Link 3, Link 4)

Hier setzt nicht nur höhnisches Gelächter, sondern auch lautstarke Empörung ein.

Vor gut zwei Wochen, am 22. Januar, bestand hier auf dem Markt die Möglichkeit, bei einer von verschiedenen Institutionen organisierten Informationsveranstaltung mit Frau Brakemeier, aber auch mit vielen anderen in Politik oder Medizin engagierten Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie haben solche Informations- und Dialogangebote bislang nicht genutzt, aber vielleicht entwickeln Sie ja noch Interesse.

Die Menge vor mir wird so laut, dass ich kurz innehalten muss. Was mir durch den Kopf geht: „Das sind die Leute, die für sich einfordern, dass wir ihre Schein-Argumente ernst nehmen. Und dabei sind es sie selbst, die alle faktenbasierten Angebote – auch die zum Dialog – nicht annehmen wollen.“

Zweitens: Sie wünschen sich heute abend um acht den Dialog mit uns, also mit dem Bündnis „Greifswald für alle“. Ich weiß gar nicht – warum eigentlich? Was haben Sie denn mit uns zu besprechen? Fühlen Sie sich getroffen von unserer Einordnung der Kundgebungen, auf denen Sie sich immer wieder gern einfinden?

In diesem Falle haben wir einen Vorschlag für Sie: Ja, suchen Sie unbedingt den Dialog.

Suchen Sie den Dialog mit dem Mann, der jede Woche wieder diese Veranstaltung eröffnet: Das ist Andreas Pieper. Herr Pieper bezeichnet die Regierung gern als „Obrigkeit“ (und das ist in einem demokratischen Staat eine unheilvoll tendenziöse Aussage).

Hier gibt es laute Buhrufe und anhaltende Trillerpfeifen. Augenscheinlich ist die Menge sehr wohl mit Herrn Piepers Wortwahl, nicht aber mit meiner Einordnung einverstanden. Wirklich leise wird es jetzt nicht mehr werden.

 Herr Pieper ist überzeugt, dass es sich bei dem Angriff auf das World Trade Center …

… und hier wird es sehr laut und unruhig. Ich muss warten, sage schließlich das Offensichtliche: „Fakten sind wirklich nicht so Ihrs, oder?“. Herr Pieper fordert die Menge per Geste zur Ruhe auf. Ich fange nochmal an, jetzt und bis zum Ende begleitet von immer lauter, auch aggressiver werdenden Zwischenrufen:

Herr Pieper ist überzeugt, dass es sich bei dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 nicht um einen terroristischen Anschlag handelte (was schlicht nicht stimmt).

Zwischenruf hier: „Darum geht’s doch gar nicht!“ Aber ja, genau darum geht es eben doch: Der Versammlungsleiter selbst ist seit Jahren Anhänger verschiedener Verschwörungsmythen und hat auch Vorträge zu entsprechenden Interpretationen der Wirklichkeit gehalten.Wenn jemand mit solchen Tendenzen nun ein neues Thema – also Corona und alles, das in medizinischer, politischer, rechtlicher, gesellschaftlicher Hinsicht damit zu tun haben mag – für sich entdeckt hat, so darf man von vornherein Zweifel an einem redlichen Umgang mit dem bewussten neuen Thema haben. Und diese Zweifel haben sich in den letzten Wochen jeden Montag weiter erhärtet und sind längst Gewissheit.

 Herr Pieper hat Menschen wie mich schon als „verblödete Antifanten“ bezeichnet …

Hier bleibt nicht nur die Unruhe bestehen, sondern es wird applaudiert. Man stimmt Herrn Pieper in seiner Wortwahl zu. Ich füge ein:

Dass Sie jetzt applaudieren, zeigt, wie viel Respekt sie wirklich vor anderen Menschen haben. Ich weise darauf hin, dass dieser Begriff in rechtsextremen Kreisen beliebt und gängig ist.

Und hier gibt es anhaltenden Applaus. Wofür? Für die rechte Ausdrucksweise? Für die rechtsextremen Kreise? Viel anderes kann es gerade doch nicht sein, oder?

Suchen und finden Sie den Mann – fürs Gespräch – , der am letzten Montag ein Kleidungsstück mit der Aufschrift „Stop White Genocide“ (also: „Stoppt den Völkermord an Weißen“) getragen hat…

Es wir immer lauter: „Aufhören!“, als Sprechchor auch: „Hau ab!“- Die entsprechende Person ist auch heute auf dem Platz, in derselben Aufmachung. Schon vor Beginn meiner Rede war aus unserer Versammlung heraus per Megaphon darauf hingewiesen worden. Bei den Querdenker*innen nahm man den Hinweis so entgegen, als verstünde man nicht recht; weitere Konsequenzen hatte es nicht gegeben.

… und trinken Sie eine Tasse Tee mit ihm. Das wird bestimmt ein interessanter Austausch über Menschenrechte.

Hier betritt der Versammlungsleiter, Herr Pieper, die Bühne, fordert mich zum Gehen auf und nimmt mir das Mikrophon aus der Hand.

Als ich mich dem Flatterband nähere, schreit mich eine Frau an: Nun hätten wir uns ja wirklich selbst entlarvt. „Großartig! Dass Sie das gar nicht merken!“, schreit sie, viel zu nah (und ohne Maske) an meinem Gesicht. Jemand anders läuft mir aus der Querdenker*innen-Veranstaltung noch hinterher und lässt es sich nicht nehmen, mich an der Schulter zu schubsen: „Geh woanders weiterstänkern!“ Ich denke an den Satz von Hannah Arendt: „Es ist eine Erscheinungsform von Realitätsflucht, mit Tatsachen so umzugehen, als handle es sich um bloße Meinungen.“

Teile dessen, was ich eigentlich gern noch gesagt hätte, spreche ich auf der Versammlung von „Greifswald für alle“ anschließend noch aus. Ich bedaure es, dass die Querdenker*innen sich selbst nicht erlaubt haben, die folgenden Sätze zu hören und vielleicht auch zu bedenken.

Denn es geht bei den Versammlungen um einiges mehr als um die Frage, ob man eine Impfung gegen Corona für sinnvoll oder für gefährlich hält. Es geht (in der Art und Weise, wie die angeblich so friedlichen Spaziergänger*innen mit allen von ihnen berührten Themen umgehen) darum, wie man Tatsachen betrachtet – und ob man sie überhaupt wahrnehmen kann und will. Schon hier geht jeglicher sinnvolle Grundkonsens verloren. Und, nein: Keinesfalls kann man sich in dieser Frage „irgendwo in der Mitte“ treffen. Gegenüber der Lüge (und es handelt sich hier um Lügen mit deutlicher Intention) kann man sich jetzt und in Zukunft nur abgrenzen.

Kaum bin ich wieder auf der Kundgebung von GfA angekommen, spricht mich jemand an, den ich noch gar nicht kenne: Er habe frühere Kumpel auf der anderen Seite erkannt, „das sind rechte Hools, polizeilich eingestuft als Gefährder, die machen da mit. Und da ist auch Martin, der neulich bei der AfD-Demo gesprochen hat. Ich hab Pieper vor ein paar Tagen gefragt, warum er sich von diesen Leuten nicht abgrenzt. Und er hat mir geantwortet: Die wolle er ja gerade ansprechen. Die brauche er.“ Soviel dazu. Ich bin dem jungen Mann sehr dankbar, dass er diese Worte auch bei uns am Mikrophon wiederholt hat.

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Suchen Sie die Menschen, die immer wieder montags auf Ihren Veranstaltungen per Plakat zur Selbstjustiz aufgerufen haben („Dexter help“) oder ein „Nürnberg 2.0“ gefordert haben, mit Blick auf die gegenwärtige Regierung  und in Anspielung auf die Nürnberger Prozesse gegen Kriegsverbrecher nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Dass diese Plakate heute nicht mehr hochgehalten werden, ist sicher eine rein kosmetische Maßnahme. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei sachlichen Gesprächen mit den Urheber*innen solcher Aussagen, falls Sie sie finden können.

Ganz sicher können Sie auch mit Freunden der AfD, der Identitären Bewegung oder des Dritten Weges ins Gespräch kommen, wenn Sie sich mal kurz umschauen. Andere Teilnehmer*innen Ihrer  Kundgebung helfen Ihnen sicher gern weiter, falls Sie selbst sich nicht so gut auskennen.

Diskutieren Sie mit all diesen Leuten gern zu ihrer Haltung gegenüber der modernen Wissenschaft, zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. DAS sind die Leute, mit denen Sie dringend reden müssen; nicht wir.

Ja, es ist wahr: Hier stehen heute abend mindestens zwei Gruppen von Menschen. Wenn Sie zu denen gehören, die jenen Brief an das Bündnis Greifswald für alle gerichtet haben; wenn Sie Menschenrechte und Menschenwürde für wichtig und unabdingbar halten, dann bleibt Ihnen eigentlich nur eins übrig: Dann müssen Sie jetzt gehen.

Wenn Sie das jetzt nicht tun, setzen Sie ebenfalls ein klares Zeichen. Dann sind Sie ganz offensichtlich bereit, mit Leuten gemeinsam auf die Straße zu gehen, die andere Menschen verachten und sie mit Hass und Hetze überziehen; die fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht akzeptieren; die kein Vertrauen haben in Rechtsstaat, Gewaltenteilung und Demokratie.

Kein Ziel auf Erden ist es wert, dass man sich mit solchen Leuten gemein macht.

Wenn Sie jetzt bleiben und sich bewusst zu Verbündeten dieser Leute machen: Dann haben wir erst recht nichts miteinander zu besprechen.

Alternative Fakten gibt es nicht. Verschwörungsmythen sind nicht nur Unsinn, sondern auch gefährlich. Und Menschenhass ist keine legitime Meinung, über die sich an runden Tischen sprechen ließe.

Mit all denen, zu denen Sie – die Absender*innen des Schreibens an uns – hoffentlich NICHT gehören, werden wir aus genau diesen Gründen niemals auf Augenhöhe diskutieren. Und wir sind gespannt, ob Sie sich nun tatkräftig distanzieren oder ob Sie eben doch Teil dieser Gruppe sein und bleiben wollen.

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Fazit am Ende des Tages: Niemand hat sich distanziert, weder verbal noch körperlich. Vielleicht sind die Ärztin im Ruhestand oder der tags darauf in der Zeitung zitierte Sozialarbeiter einfach nur uninformiert und naiv, wenn sie ihre persönliche Beunruhigung oder Kritik gerade montags auf dem Markt in der bewussten Gesellschaft äußern.

Es steht erwachsenen Menschen jedoch gut zu Gesicht, auch jene Informationen, die ihnen unbequem sind, nicht auszublenden. Es reicht nicht, dass man von vielen der Spaziergänger*innen bestimmt sagen kann: „Die sind doch so nett!“

Die sogenannte Friedensbewegung 2.0, dann die Provinz-PEGIDA, jetzt die Impfkritiker*innen: Da gibt es Kontinuitäten – sowohl bei den Vertreter*innen und Wortführer*innen als auch in der keineswegs faktenbasierten Denk- und dann auch Handlungsweise.  Und wenn die Pandemie vorbei ist, wird damit noch lange nicht Schluss sein. Vielleicht müssen wir uns dann montags auf dem Markt anhören, dass es keine Klimakrise gäbe und man keinesfalls Beschränkungen des motorisierten Individualverkehrs hinnehmen dürfe, weil … undsoweiter.

Anne Wolf, Februar 2022

Das Bündnis „Greifswald für Alle“ steht uneingeschränkt hinter dem Redebeitrag von Anne Wolf.

Solidarität statt Hass, Fake News und Hetze

7. Februar – 19 Uhr – Marktplatz

Und erneut – wir wollen in Zeiten der Pandemie auf Solidarität statt Egoismus im Sinne von „Mein Körper, meine Wahl“ setzen. Die Greifswalder*innen sind aufgerufen, Coronaleugner*innen und Querdenker*innen zu zeigen, dass Empathie und Solidarität auch heißen sollte, sich impfen zu lassen. Wissenschaftlichkeit statt verschwörungsgläubiges Geschwurbel ist wichtiger denn je, um die Pandemie zu überwinden und andere zu schützen.

Seien wir achtsam mit der Sprache. Wir wollen und dürfen nicht zulassen, dass sich Forderungen nach einem „Nürnberg 2.0“ oder das Gerede von der „Plandemie“ in der Mitte der Gesellschaft durchsetzen. Dies darf niemals Normalität werden.

Montags in Deutschland (und in Greifswald)

Der Montagabend: Das war bis zur Maueröffnung 1989 ein ausgesprochen positiv besetzter, sich wöchentlich wiederholender Moment. Ab September 1989 gingen die Menschen zunächst in Leipzig, dann auch in vielen weiteren Städten der damaligen DDR auf die Straße, um gegen die politischen Verhältnisse ihrer Gegenwart zu protestieren. Aktivist*innen aus den verschiedensten Gruppen der Gesellschaft demonstrierten für ein schnelles Ende der SED-Herrschaft und der Stasi und eine friedliche, wirklich demokratische Neuordnung. Dabei griffen sie den Termin der traditionellen Friedensgebete in den Leipziger Kirchen auf. „Keine Gewalt!“ war die übergreifende Parole, vertreten von Hunderttausenden; und wir alle wissen, wie wichtig diese Demonstrationen 1989 gewesen sind: Wie wichtig und richtig es sein kann, Menschenrechte auch auf der Straße einzufordern, wenn die eigene Regierung sie vergisst.

Wer am Montagabend für seine Anliegen auf die Straße geht, der ruft Erinnerungen wach an die Wendezeit; der möchte sich schon aufgrund des Termins in eine Tradition berechtigter Kritik stellen und deutlich machen, wie wichtig (und demokratisch) das eigene Anliegen ist.

Das machten sich ab März 2014 die sogenannten „Mahnwachen für den Frieden“ zunutze. Was so schön und harmonisch klingt, hatte aber eine dunkle und bedrohliche Seite. Auslöser dieser Versammlungen war die Krise in der Ukraine. Die Mahnwachen nahmen nun aber nicht etwa kritisch Russlands gewaltige und gewalttätige Einmischung dort ins Visier – nein: In den Redebeiträgen der Teilnehmer*innen und in den Medienbeiträgen der Publizist*innen, die jener angeblichen Friedensbewegung nahestanden oder sie vertraten, häuften sich schnell antisemitische, antiamerikanische, rechtsextreme Aussagen – unverblümt und unverhohlen. Ganz augenscheinlich spielte die sachliche Berichterstattung seriöser Medien für die Anhänger*innen dieser Bewegung eine deutlich geringere Rolle als all die Blogs, YouTube-Kanäle und Chatrooms, die sie mit angeblich zuverlässigen Nachrichten und eigenwilligen Interpretationen dazu versorgten. Man konnte in Echtzeit zusehen, wie manche Menschen abdrifteten in ein Paralleluniversum aus Verschwörungsmythen und sich dabei – das war besonders erschreckend –  im Vollbesitz der Wahrheit wähnten.

Ab Herbst desselben Jahres machte dann PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) montagabends die Straßen zunächst in Dresden, dann auch in anderen Städten unsicher. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, ausgrenzender Nationalismus: Wer das vertrat, der fand sich unter längst verstaubten, teils gar verbotenen Fahnen bei PEGIDA wieder und brüllte vielleicht sogar im Brustton der Überzeugung jene gute Parole von 1989: „Wir sind das Volk!“ Kaum etwas könnte der Wahrheit noch ferner liegen – zum Glück. Seit dem letzten Jahr stuft der Verfassungsschutz Sachsen PEGIDA als „erwiesen extremistisch“ ein.

Auch Greifswald blieb von einem Provinzableger dieser Bewegung nicht verschont: Ab Herbst 2015 trat sie unter dem Motto „Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit“ wöchentlich in der Stadt in Erscheinung (und wie diese Truppe zu diesem irreführenden Namen kam, ist wirklich eine bizarre Geschichte für sich – aber die führt hier zu weit). Auch hier: Verbotene Fahnen und Embleme, ausgrenzende Parolen, unhaltbare Analysen der politischen und gesellschaftlichen Gegenwart – und vor allem eine entsetzliche Spielart von persönlichem Egoismus, der sich dazu ein nationalistisches Gewand gab: „Für die Zukunft unserer Kinder!“ hieß es auf den Bannern – und damit waren eben nicht die soeben aus Afghanistan oder Syrien geflüchteten kleinen Menschen gemeint. „Widerstand für unser Volk!“, so war zu lesen; und die gerade vor Folter, Gewalt und Krieg geflohenen Menschen, die alles – und teils auch ihre Liebsten – verloren hatten und auf der Suche nach einer neuen Heimat waren: Die sollten nach dem Willen dieser Provinz-PEGIDA sicher niemals Teil dieses Volkes werden können.

Was sich da auf unserem Marktplatz zutrug, war unerträglich. Und so kamen – sofort und spontan – ab dem ersten Abend auch solche Menschen zusammen, die dieses Unerträgliche nicht als Einziges in der Mitte unserer Stadt stehen lassen wollten. Daraus entstand das Bündnis „Greifswald für alle“, das sich seither – im Herbst 2015 zunächst mit Mahnwachen, Kundgebungen und tatkräftigem Einsatz für das Ankommen der neuen Mitbürger*innen, schnell auch mit der Organisation von großen Kulturfesten jedes Jahr am 1. Mai – für eine solidarische, vielfältig geprägte Stadt einsetzt, in der wir aneinander denken und füreinander da sind.

Nun erleben wir eine neue Welle von Demonstrationen am Montagabend; und damit auch eine unschöne Kontinuität. Es versammeln sich nun Menschen, die – ganz wie ihre Vorgänger aus den Jahren 2014 und 2015 – ihre Informationen aus Quellen jenseits der von ihnen so bezeichneten „Mainstream-Medien“ beziehen. Wer zuhört, merkt schnell, dass ihnen das Vertrauen in moderne Wissenschaft ebenso wie in die Demokratie in einem Maße fehlt, das nicht nachvollziehbar ist. Sie fühlen sich ausgegrenzt, während sie nur schlicht – und aufgrund ihrer eigenen Entscheidung – eine Voraussetzung für vollständige Teilhabe an einigen Aspekten des gesellschaftlichen Leben in diesem von einer Pandemie geprägten Augenblick nicht besitzen. Ihre Forderungen klingen, als würden sie ohne Führerschein Auto fahren wollen. Sie leugnen, was belegbar wahr ist, und können nicht mit den Entwicklungsprozessen leben, ohne die echte Wissenschaft kaum denkbar wäre. Sie sind bereit, die Gesundheit anderer Menschen ihrem persönlichen Egoismus zu opfern. Dabei scheuen sie nicht vor Parolen zurück, die die unbeteiligte Zuschauerin durchaus erschüttern können: Aufrufe zur Selbstjustiz, Drohungen gegen die Regierung, und immer wieder ein erheblicher Mangel an Geschichtsbewusstsein. Die Vergleiche der aktuellen Situation mit dem Holocaust in Deutschland oder den Jahrhunderten der Sklaverei in Amerika sind verharmlosend und  menschenverachtend.

Nicht alle, die sich nicht impfen lassen, denken so. Aber diejenigen, die hier und anderswo an den Kundgebungen teilnehmen oder zum Mikrofon greifen – ob Pflegekraft oder Biobäuerin – tun das Seite an Seite mit denjenigen, die diese Parolen wirklich ernst meinen und gar ganze Parteiprogramme auf Fake News gründen. All das ist nicht harmlos.

Sie seien nicht rechts: So sagten die Teilnehmer*innen beim wöchentlichen Wahnmachen der „Friedensbewegung 2.0“. Sie seien die Mitte der Gesellschaft: So sagen die Menschen am Mikrofon auch heute, jeden Montag wieder. Es ist beunruhigend, dass diese sehr spezielle Mitte der Gesellschaft nicht merkt, wie sehr sie sich irrt.

Der Weg aus der Pandemie und der Weg zu einem Miteinander, in dem wir Verantwortung für uns selbst und für unsere Mitmenschen übernehmen, ist eigentlich ganz einfach. Wir können uns alle für eine Impfung entscheiden – auch ohne dass uns jemand dazu verpflichtet.

Ja, hier sind die Gedanken frei: Darum können wir dieses Lied auch öffentlich singen. Wir haben Frieden. Wir haben Freiheit. Wir haben auch keine Diktatur. Wir haben allen Grund, Wissenschaft und Politik im Allgemeinen – und bei allen gelegentlichen Irrtümern – zu vertrauen. Und darum: Ich wünsche uns allen eine Stadt, in der nicht nur der Marktplatz, sondern auch jeder andere Ort geprägt ist von Wahrheitsliebe und gemeinsamer Verantwortung. Das könnten wir – zum Beispiel – von den Montagsdemonstrationen 1989 lernen.

Rede von Anne Wolf auf unserer Veranstaltung am 31.01.2022

Solidarität statt Hass, Fake News und Hetze

31. Januar – 19 Uhr – Marktplatz

Wir wollen in Zeiten der Pandemie auf Solidarität statt Egoismus im Sinne von „Mein Körper, meine Wahl“ setzen. Die Greifswalder*innen sind aufgerufen, Coronaleugner*innen und Querdenker*innen zu zeigen, dass Empathie und Solidarität auch heißen sollte, sich impfen zu lassen. Wissenschaftlichkeit statt verschwörungsgläubiges Geschwurbel ist wichtiger denn je, um die Pandemie zu überwinden und andere zu schützen.

Seien wir achtsam mit der Sprache. Wir wollen und dürfen nicht zulassen, dass sich Forderungen nach einem „Nürnberg 2.0“ oder das Gerede von der „Plandemie“ in der Mitte der Gesellschaft durchsetzen. Dies darf niemals Normalität werden.

Gemeinsam Für Greifswald #ZusammenGegenCorona

Am Samstag, 22.01.22, ab 14:30 Uhr lädt die Universität Greifswald zusammen mit den Wissenschaftseinrichtungen in der Stadt, der Universitäts- und Hansestadt, dem Bündnis Greifswald für alle, dem Theater Vorpommern, dem Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis und der Sparkasse Vorpommern zu einer

Informationsversammlung auf dem Greifswalder Marktplatz ein.

Damit wollen wir wissenschaftlich basiert über COVID-19 informieren und ein Zeichen der Solidarität mit allen von Corona-Betroffenen setzen.

Pressemitteilung der Universität: https://www.uni-greifswald.de/universitaet/information/aktuelles/detail/n/nu-man-tau-gemeinsam-fuer-greifswald-zusammengegencorona/

Vollständiges Programm zum Download

Gedenken an die über 1.500 an Covid-19 Gestorbenen in Mecklenburg-Vorpommern

Mit Datum des 17.01.2022 starben im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern 1.638 Menschen an oder mit Covid-19. Weltweit sind es mehr als 5 Millionen offizielle Tote. Covid-19 ist eine Krankheit mit zahlreichen Auswirkungen auf den menschlichen Körper, sodass eine Infektion mitunter nicht direkt für den Tod verantwortlich ist – aber die erkrankte Person ohne diese Infektion noch leben würde. Die Unterscheidung „an oder mit“ ist daher wichtig für bspw. die epidemiologische Forschung, aber für Erkrankte und die Angehörigen von Verstorbenen kann es auch als zynischer Umgang mit den tödlichen Risiken dieser Pandemie erscheinen, wenn diese Unterscheidung zur Relativierung von Covid-19 gebraucht wird.

Während in Deutschland die offiziellen Zahlen recht zuverlässig sind, also mit der allgemeinen und tatsächlich im langjährigen Vergleich vorhandenen Übersterblichkeit korrelieren, ist dies für die globale Covid-19-Statistik nicht der Fall. Die Übersterblichkeit ist weit höher; es gibt deutlich mehr inoffizielle Coronatote. Denn nicht in allen Ländern wird die Todesursache statistisch so ermittelt, wie es hierzulande gehandhabt wird.

Dazu kommt, dass die hierzulande existierenden Hygienemaßnahmen, medizinischen Versorgungsmöglichkeiten und Impfungen aufgrund ihres wirksamen Schutzes allzu leicht dazu führen, die Gefährlichkeit des Virus zu unterschätzen.

Eine Studie geht davon aus, dass es insgesamt bis zu 4 mal mehr Coronatote gibt als die amtlichen Stellen der Länder ausweisen. Fakt ist, dass in vielen Ländern die Lebenserwartung drastisch sinkt. In einigen Ländern bricht sie für Männer um mehr als 2 Jahre ein. So stark wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, wird teilweise konstatiert.

Allerdings ist das nur ein statistischer Wert für die gesamte Bevölkerung. Wer im höheren Alter an Covid-19 erkrankt und infolge der Erkrankung stirbt, verliert deutlich mehr Lebensjahre. Insbesondere für ältere Menschen, die weiteren Gesundheitsrisiken wie Diabetes oder Asthma ausgesetzt sind, ist SARS-CoV-2 ein tödliches Risiko. Ohne das Virus könnten diese älteren Menschen einer Studie zufolge noch 11 Jahre (Frauen) oder 13 Jahre (Männer) leben. Das Märchen, Corona beträfe nur Menschen, die sowieso gestorben wären, ist unhaltbar.

Corona ist aber nicht nur ein tödliches Risiko für Menschen über 60, sondern auch für jüngere; und nicht nur für die Millionen Menschen aus Risikogruppen, sondern auch für völlig gesunde Menschen. Und wer nicht tödlich erkrankt, kann an schwersten Folgen der Erkrankung leiden. Und selbst bei einem milden Krankheitsverlauf kann es durch Post Covid und Long Covid zu enormen Belastungen und Einbußen in der Lebensqualität kommen.

Wir gedenken daher den Opfern der Coronapandemie und bitten darum, die Hygiene- und Impfempfehlungen zu befolgen. Denn von allem, was wir haben können, ist nichts wertvoller als das Leben und die Gesundheit.

Impfen – Verantwortung und Solidarität!

Montag, 3. Januar 2022, Marktplatz, 19 Uhr

Mit großer Sorge beobachten wir die mit stetig zunehmender Teilnehmerzahl wöchentlich stattfindenden Montagsversammlungen in Greifswald. In der Mehrheit sind diese Teilnehmer*innen Corona-Leugner und Querdenker. Es versammeln sich dort nur einige wenige Menschen, die vielleicht teils berechtigterweise einer Impfung kritisch gegenüberstehen. Eine klare Abgrenzung vom rechten Rand ist nicht zu erkennen. „Wir brauchen eine neue Regierung!“ lautete z.B. ein Aufruf am 20.12. Am 27.12., wurde der Corona-Virus mit der Grippe verglichen, Impfungen wären Gen-Experimente der Regierung und eine Rednerin ist stolz auf ihren Ungeimpft-Status, denn Corona sei mit Hausmitteln heilbar. Sich impfende Menschen sind arrogant, wenn sie denken, ein Pieks würde Corona aufhalten. Die 2G-Regel ist überflüssig – Essen, Sauna und Spaziergänge würden das Immunsystem stärken. Es fielen Aussagen wie „Ab jetzt gilt ziviler Ungehorsam!“ und „Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht!“.

Wir als Bündnis „Greifswald für Alle“ haben beschlossen, mit solidarischen Greifswalderinnen und Greifswaldern ein deutliches Zeichen für Demokratie zu setzen und zu zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die geltenden Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie für nötig hält. Mit einer Kundgebung wollen wir aktiv aufklären und für die Impfung werben. Wissenschaftler*innen sollen in Redebeiträgen über bewiesene Erkenntisse über das Virus sprechen, Menschen aus der Kulturbranche können über ihre Erfahrungen berichten und auch Politiker*innen dürfen zu Wort kommen.

Unter dem Titel „Impfen – Verantwortung und Solidarität!“ laden wir zu einer Veranstaltung am 3. Januar ab 19 Uhr auf dem Greifswalder Marktplatz ein.

Wir hoffen, mit Abstand, dem korrekten (!) Tragen von Masken (möglichst FFP2) und dem Aufruf zu einem Corona-Schnelltest vor Teilnahme an der Veranstaltung ein Infektionsrisiko möglichst ausschließen zu können.

Wir bitten um Unterstützung!

Vorläufige Redner*innen-Liste:

  • Dr. Stefan Fassbinder (Oberbürgermeister)
  • Prof. Dr. med. Barbara Bröker (Abteilungsleiterin Immunologie der Universitätsmedizin Greifswald)
  • Prof. Dr. Dipl. Psych. Eva-Lotta Brakemeier (Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP), Initiatorin „Gemeinsam für psychische Gesundheit“, Impfberatung)
  • Dr. Andreas Jülich (Anästhesiologe, praktischer Arzt, tätig im ehrenamtlichen Palliativdienst)
  • Prof. Dr. med. habil. Stephan Felix (Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin an der Universitätsmedizin Greifswald)
  • Ralf Dörnen (Intendant Theater Vorpommern)
  • Murat Demirkaya (Club Rosa)
  • Hennis Herbst (Vorsitzender des AStA an der Universität Greifswald)
  • Walter Noack (CDU)
  • Anna Kassautzki (SPD)
  • Christoph Volkenand (PARTEI MENSCH UMWELT TIERSCHUTZ)
  • Daniel Seiffert (DIE LINKE)
  • Hannes Damm (Bündnis 90/Die Grünen)
  • Michael Mahlburg (Pastor der Ev. Kirchengemeinde St. Jacobi Greifswald)